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Das sterbende Bottenbroich




Das alte Pfarrdorf Bottenbroich, entstanden aus einer Klosterniederlassung, die der Propst Godfried von Münstereifel in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichten ließ, die aber nach wechselvoller Geschichte 1776 aufgehoben wurde, ist zum Sterben verurteilt, da ihm der Braunkohlenbergbau die Lebensadern abschneidet. Wer sich in diesen regnerischen und sturmgepeitschten Frühlingstagen von Benzelrath und Grefrath kommend Bottenbroich nähert, der ist erstaunt über die gewaltige Ausdehnung der Abbauarbeiten an dem hier lagernden Braunkohlenvorkommen, die sich bereits der alten schlichten Pfarrkirche und den Resten der einstigen Priorei nähern. Riesigen Fangarmen gleich umklammert die kilometerlange Grube mit dem ungeheuern Schlund den einer Halbinsel ähnelnden, langgestreckt auf der höchsten Bodenerhebung des Kreises Bergheim erbauten Ort, von dem ein Haus nach dem andern abbröckelt, das heißt abgetragen wird. Soweit angängig, versucht man das anfallende Steinmaterial zum Bau der neuen Siedlungshäuser wieder zu verwenden.

So lange die Pfarrkirche, die in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts restauriert worden war, ihrem Zweck noch dienen wird, vermag in Bottenbroich niemand zu sagen. Das Gotteshaus übt seit langer Zeit eine große Anziehungskraft auf die katholische Bevölkerung nicht nur des Kreises Bergheim und der Kreise Köln-Land und Euskirchen, sondern weit darüber hinaus aus. Besitzt es doch ein Gnadenbild der Gottesmutter, zu dem jahrein, jahraus viele gläubige Menschen wallfahrten. An der Kirche, die im Kriege erheblich beschädigt wurde, hat bereits die Natur die ersten Abbrucharbeiten vollzogen, indem ein Herbststurm 1946 den durch Artilleriebeschuß beschädigten Turmhelm vollends niederlegte. Bei dem schnellen Fortschreiten der Abraumarbeiten der Grube Fürstenfeld ist es nur eine Frage der Zeit, wann die alte Pfarrkirche, die bereits 1550 erwähnt wird, abgetragen werden wird. Es sind fromme, gottesfürchtige Menschen, die verurteilt sind, die von den Vorfahren ererbten Höfe und Häuser zu verlassen, um an einem neuen Ort, in Holzhausen, das in einer modern zu errichtenden Siedlung den rund 800 zu verpflanzenden Bottenbroichern eine zweite Heimat werden soll, ansässig zu werden. Daß diese Menschen den verständlichen Wunsch haben, an Stelle der abzubrechenden alten Pfarrkirche eine neue Wallfahrtskirche mit dem Gnadenbild in Holzhausen, dem man später wohl den Namen Neu-Bottenbroich geben wird, erstehen zu sehen, ist Beweis genug, mit welcher Verehrung und Liebe sie an dem Gnadenbild hängen. Bottenbroich wird jedoch nicht der einzige sterbende Ort im Kreise bleiben, da auch ein Teil von Balkhausen immer mehr in die Abbaugefahrenzone des Braunkohlenbergbaus rückt.

E.H.


Aus: Kölnische Rundschau vom 11. April 1947







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